Rückblick 1992/1993

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    1992/93 - Aurelia, die deutsche Manon

    Quelle : Deutsches Damen-Eishockey : http://www.dameneishockey.com

    Die Eishockey-Meldung des Jahres kam aus Nordamerika. Welchen Inhalts? Daß man beschlossen hatte, Wayne Gretzkys Traumbilanz durch nachträgliche Einführung des dritten Tor-Assists noch weiter aufzupolieren? Oder daß Mario Lemieux, um seine Vormachtstellung zu demonstrieren, als erster Spieler eine dreistellige Rückennummer bekäme? Womöglich eine neue Lindros-Geschichte: Tauscht Quebec die Rechte am Riesenbaby gegen den kompletten Kader von Philadelphia? Nein, nein, nichts von alledem! Etwas viel Unglaublicheres, Verrückteres wurde kundgetan: Eine Frau würde in der NHL spielen, Angriff auf der Männer Allerheiligstes! Die Dame wurde vorgestellt: Manon Rheaume, Anfang 20, sehr attraktiv, Mannequin-Figur, makelloses Gesicht. Ihr Position: Torwart. Ihr Verein: Tampa Bay Lightning, neu aufgenommen in die härteste Liga der Welt. Die Diskussion war nicht mehr aufzuhalten: Könnte ein zartgliedriges Geschöpf trotz aller Polsterung einen Schuß etwa von Al Lafrate, dem Power-Mann der NHL, der die Scheibe auf nahezu 170 Sachen beschleunigt, halten, abwehren? Überleben? Der Ernstfall ist nicht eingetreten, die Sache mit Manon Rheaume lediglich ein Werbegag Tampa Bays gewesen. Ins Trainingscamp vor Beginn der Saison wurden grundsätzlich an die hundert Spieler eingeladen - warum nicht auch mal eine Frau? Verpflichten würde man sie sowieso nicht, aber ein wenig Spekulation um sie brächte Schlagzeilen, Öffentlichkeit, Geld. Denn der Souvenierverkauf würde garantiert anziehen...
    Die Werbung bringt’s
    Manon Rheaume, die tatsächlich gelernte Torfrau ist (und vielleicht sogar die beste der Welt), hat an dem Rummel auch gut verdient. Auf 600.000 Dollar wurden ihre Werbeeinnahmen geschätzt. Man verkauft sich gut als erste Frau in der NHL. Auch wenn man es gar nicht war. Ab und an benötigt Manon einen Einsatz im Farmteam, um im Gespräch zu bleiben. Die sporadischen Spielminuten werden bei den Atlanta Knights in der International Hockey League absolviert. Erstmalig durfte sie gegen die Salt Lake City Golden Eagles für fünf Minuten in den Kasten - drei abgewehrte Schüsse wurden registriert. Zum Saisonende spielte sie gegen die Cincinati Cyclones sogar ein Match durch. Ergebnis: 6:8.
    Bergkamen: Gemischtes Team
    Aurelia von der Straß hat eigentlich nicht weniger vollbracht als Manon Rheaume - aber kaum jemand hat registriert, daß auch in Deutschland die Frauen ins Männer-Eishockey eingedrungen sind. Die Nationaltorhüterin spielt nämlich in zwei Mannschaften ihres Vereins Bergkamener EC: im Frauen-Team in der Bundesliga Nord - und in der Herren-Truppe, die in der Bezirksliga, ganz unten also, beheimatet ist. Pierre Delisle, kanadischer Trainer der Bergkamener Damen, hatte nichts gegen Aurelias Nebenbeschäftigung, der nordrhein-westfälische Verband segnete sie mit Sondergenehmigung ab. Zwei Verteidigerinnen und zwei Stürmerinnen - unter ihnen Silvia Schneegans, die auch zur Nationalmannschaft gehört, folgten Aurelia von der Straß. Die Extraschichten brachten die Berkamenerinnen in ihrer Entwicklung voran, aber noch nicht ins Finale der Deutschen Meisterschaft in Salzgitter. Das Endspiel dort bestritten Mannheimer ERC mit Star Maren Valenti und der Neusser EC, der sich mit vier Frauen der im Vorjahr nach Paßstreitigkeiten zwangsabgestiegenen Düsseldorfer Eisbären verstärkt hatte. Die Kräfteverhältnisse verschoben sich dadurch: Der MERC, 1992 noch locker 8:1-Sieger über Neuss, brachte nichts zuwege und verlor den Titel mit einem 1:3. Neue Hoffnung für alle Mannheim-gefrusteten Teams.
    Jubiläum für Elvira
    Es war die zehnte Deutsche Meisterschaft, die ausgetragen wurde, und eine von neun Ladies, die es immer geschafft hatten, dabei zu sein, wurde Meisterin: Elvira Leuwer, geborene Saager. Sie war die Leitfigur der ersten Eishockeyfrauen-Generation - und überdies eine sportliche Allrounderin: Mit dem KBC Duisburg stand sie auch mal im Fußball-Pokalfinale vor 40.000 Zuschauern in Berlin. In der Nationalmannschaft haben die Jüngeren an Einfluß gewonnen. Bundestrainer Hanspeter Amend nahm zur Europameisterschaft nach Dänemark fünf Spielerinnen unter 17 Jahren mit. Die EM war das zentrale Ereignis der Saison, es ging um Platz vier und die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1994. Dort müssen die deutschen Mädchen dabeisein, wollen den internationalen Anschluß halten: 1998 im japanischen Nagano wird schließlich erstmals um olympische Medaillen gespielt.
    Erstes Spiel - Ziel erreicht
    Das erste Turnierspiel wurde das bedeutsamste. Gegner: Dänemark, der Gastgeber der EM. 1:3- und 2:4-Rückstände machten die Deutschen wett, sie gewannen 6:4 - das nachfolgende 3:10 gegen Schweden war einkalkuliert. Platz zwei in der Gruppe, Spiel um Bronze gegen Norwegen - die WM-Qualifikation war damit schon geschafft. Das 3:6 tat nicht so weh. Zum Erfolg wurde die EM auch für eine deutsche Dame in Schwarz-Weiß. Manuela Gröger aus Füssen, beste deutsche Schiedsrichterin, debütierte international als Linienrichterin. Vielleicht fliegen ja deutsche Spielerinnen und Schiedsrichterin gemeinsam 1998 nach Japan, und womöglich trifft die Mannschaft im olympischen Eishockeyturnier auf Manon Rheaume. Und entzaubert die "erste Frau in der NHL", wie sie dann von den Medien genannt werden wird....
    (Eishockey-Jahrbuch - Günter Klein)


 

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